Ein Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 19. Dezember 2009

Warum lieben Hunde Schnee? Die dumme Frage
Gefühle? Der Wolfsforscher Günther Block sagt, auch Hunde wollten manchmal einfach Spaß haben.
Von Hilke Lorenz
Manche finden wahrscheinlich schon allein die Frage ziemlich überflüssig: Hunde und große Gefühle? Hundebesitzer hingegen stellen immer dann, wenn es schneit, nicht nur bei sich eine Veränderung fest. Denn nicht nur der Mensch am anderen Ende der Leine atmet entspannter durch, wenn sich Schnee über in den Wald geworfene Heizlüfter, abgefahrene Sommerreifen und Energy-Drink-Flaschen legt, auch der Vierbeiner reagiert auf die weiße Pracht. Allerdings beginnt er zu wühlen. Noch leidenschaftlicher als sonst gräbt er die Nase durch die Schneeschicht ins Erdreich, als liege mit einem Mal alles voller Leberwürste. Auf manche Hundesenioren wirkt Schnee gar wie ein Jungbrunnen und treibt sie zu akrobatischen, känguruartigen Sprüngen. Andere wälzen sich selbstvergessen auf verschneiten Waldlichtungen. Womit ja eigentlich schon klar wäre, dass es eine leidenschaftliche Beziehung des Vierbeiners zu Eis und Schnee gibt.
So sieht das auch der Hundeexperte Günther Bloch. „Es macht ihnen sichtlich einen Riesenspaß", sagt der Mann aus der Eifel. Die Wintermonate verbringt Bloch gerade wieder in Kanada. Mitten im Schnee also. Dort studiert er das Verhalten der Wölfe. Und wer den Wolf versteht, weiß auch, wie sein Verwandter, der Hund, tickt. Warum also diese Freude, Herr Bloch?
Die Antwort scheint gar nicht so leicht zu sein. „In der kalten Luft ist der Hund immer aktiver", sagt der Experte. Wärme hemme die Aktivität. Zudem habe alles, was mit positiven Emotionen zu tun habe, nichts mit den drei wichtigen überlebensnotwendigen Faktoren zu tun wie Reproduktion, Nahrungsaufnahme oder Gefahrenerkennung und -abwehr. Der Canidenforscher vermutet deshalb den banale „Spaß an der Freude" als Ursache für die hündische Ausgelassenheit. Und dass Hunde Spaß empfinden können, das belege die neurologische Forschung über positive Gefühle. Zudem sei das Wälzen im Schnee gefahrenlos - keine Zecke bohrt sich ins Fell, kein Parasit kann sich auf dem Hunderücken einnisten. Das entspannt auch den Zweibeiner. Der schimpft den Hund nicht wie sonst, wenn der sich in übelriechenden Hinterlassenschaften suhlt. Das und der Schnee machen den Hund einfach froh.